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DGI:ZNS-Infektionen/Test-Unterseite/Diagnostik

Aus Infektiopedia
Version vom 29. September 2026, 08:06 Uhr von Kristina.jozic (Diskussion | Beiträge) (Die Seite wurde neu angelegt: „Die Diagnostik der viralen Enzephalitis muss parallel und zeitkritisch erfolgen: Stabilisierung, Bildgebung, Liquordiagnostik, Blutdiagnostik, mikrobiologische Spezialdiagnostik und EEG sollten nicht sequenziell verzögert, sondern klinisch priorisiert und interdisziplinär koordiniert werden. Bei klinischem Verdacht auf HSV-/VZV-Enzephalitis darf die empirische Aciclovir-Therapie nicht bis zum vollständigen Erregernachweis verzögert werden [1, 2, 5, 6]…“)
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Die Diagnostik der viralen Enzephalitis muss parallel und zeitkritisch erfolgen: Stabilisierung, Bildgebung, Liquordiagnostik, Blutdiagnostik, mikrobiologische Spezialdiagnostik und EEG sollten nicht sequenziell verzögert, sondern klinisch priorisiert und interdisziplinär koordiniert werden. Bei klinischem Verdacht auf HSV-/VZV-Enzephalitis darf die empirische Aciclovir-Therapie nicht bis zum vollständigen Erregernachweis verzögert werden [1, 2, 5, 6].

Allgemeindiagnostik/klinische Ersteinschätzung

  • ABCDE-orientierte Akutbeurteilung mit Erfassung von Vigilanz, Atemwegsschutz, Kreislaufstabilität, Temperatur, Zeichen der Sepsis und Bedarf für Intensivüberwachung.
  • Neurologischer Status mit GCS, Meningismus, fokalneurologischen Defiziten, Hirnnervenbefund, Aphasie, Ataxie, Myoklonien, extrapyramidalen Zeichen und epileptischen Anfällen.
  • Psychiatrisch-kognitive Beurteilung: akute Wesensänderung, Desorientierung, Halluzinationen, Verwirrtheit, Delir, Gedächtnisstörung und zeitlicher Verlauf > 24 h.
  • Gezielte Anamnese: Symptombeginn, Fieberverlauf, Prodromi, Exanthem/Zoster, Immunsuppression, HIV/Transplantation/Biologika, Impfstatus, Reise-, Zecken-, Mücken-, Tierbiss-/Fledermaus- und Expositionsanamnese.
  • Frühe Differenzialdiagnostik von behandelbaren Mimics: bakterielle Meningitis, Sepsis-assoziierte Enzephalopathie, metabolisch-toxische Ursachen, Schlaganfall/Sinusvenenthrombose, Autoimmunenzephalitis und akuter disseminierter Enzephalomyelitis (ADEM)/ Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierter Erkrankung (MOGAD) / Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) [1, 2, 5]

Bildgebung

  • ABCDE-orientierte Akutbeurteilung mit Erfassung von Vigilanz, Atemwegsschutz, Kreislaufstabilität, Temperatur, Zeichen der Sepsis und Bedarf für Intensivüberwachung.
  • Neurologischer Status mit GCS, Meningismus, fokalneurologischen Defiziten, Hirnnervenbefund, Aphasie, Ataxie, Myoklonien, extrapyramidalen Zeichen und epileptischen Anfällen.
  • Psychiatrisch-kognitive Beurteilung: akute Wesensänderung, Desorientierung, Halluzinationen, Verwirrtheit, Delir, Gedächtnisstörung und zeitlicher Verlauf > 24 h.
  • Gezielte Anamnese: Symptombeginn, Fieberverlauf, Prodromi, Exanthem/Zoster, Immunsuppression, HIV/Transplantation/Biologika, Impfstatus, Reise-, Zecken-, Mücken-, Tierbiss-/Fledermaus- und Expositionsanamnese.
  • Frühe Differenzialdiagnostik von behandelbaren Mimics: bakterielle Meningitis, Sepsis-assoziierte Enzephalopathie, metabolisch-toxische Ursachen, Schlaganfall/Sinusvenenthrombose, Autoimmunenzephalitis und akuter disseminierter Enzephalomyelitis (ADEM)/ Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierter Erkrankung (MOGAD) / Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) [1, 2, 5]

Lumbalpunktion/Liquordiagnostik

  • Liquor-Basisdiagnostik: Eröffnungsdruck, Zellzahl mit Differenzialzellbild, Protein, Laktat, Liquor-/Serum-Glukosequotient, Erythrozytenzahl, ggf. Oligoklonale Banden und Immunglobulinquotienten
  • Mikrobiologische Basisdiagnostik: Gram-Direktpräparat, bakterielle Kultur, Blutkulturen vor Antibiotika, bei Risikokonstellation zusätzlich Diagnostik auf Tuberkulose und Pilze
  • Virale Liquor-PCR früh anfordern, mindestens HSV-1/2, VZV und Enteroviren; je nach Klinik, Immunstatus und Saison/Exposition zusätzlich CMV, EBV, HHV-6, Masern/Mumps/Röteln, JC-Virus oder weitere Erreger
  • Bei typischer HSV-Klinik oder typischem MRT und initial negativer HSV-PCR sollte die Liquor-PCR nach 3-7 Tagen wiederholt werden; eine frühe negative PCR darf Aciclovir nicht vorschnell beenden.
  • Bei FSME und West-Nil-Virus ist in der neurologischen Phase Serologie bzw. Antikörperindex oft aussagekräftiger als PCR; Serum-Liquor-Paare sind für intrathekale Antikörpersynthese besonders wertvoll.
  • Kontraindikationen bzw. Gründe für Aufschub der Lumbalpunktion: klinische Zeichen erhöhten Hirndrucks, relevante Gerinnungsstörung/Antikoagulation, lokale Infektion an der Punktionsstelle oder hämodynamische Instabilität [1, 2, 5-12].

Blutentnahme/Serumdiagnostik

  • Basislabor: Blutbild mit Differenzialblutbild, CRP, Prokalzitonin, Elektrolyte, Glukose, Nieren- und Leberwerte, Gerinnung, CK, Laktat, Blutgas bei schwerem Verlauf sowie Urinstatus.
  • Infektiologische Basisdiagnostik: mindestens zwei Blutkultursets vor Antibiotikagabe, HIV-Test bei unklarer Immunsuppression
  • Serologie abhängig von Exposition und Zeitfenster: FSME-IgM/IgG, West-Nil-IgM/IgG, Masern/Mumps/Röteln, VZV/HSV-Serologie ergänzend, ggf. Neutralisationstest bei Flavivirus-Kreuzreaktionen.
  • PCR/viruslastbasierte Blutdiagnostik bei Immunsuppression: CMV-, EBV-, HHV-6- und ggf. JC-Virus-Diagnostik; positive Befunde müssen immer klinisch und mit Liquor-/Bildgebungsbefunden korreliert werden.
  • Serum sollte möglichst parallel zum Liquor asserviert werden, damit Antikörperindex, intrathekale Synthese und spätere Referenzlaboruntersuchungen möglich bleiben [1, 2, 5, 7-12, 15].

EEG

  • EEG ist indiziert bei Bewusstseinsstörung, Fluktuation, Krampfanfällen, Myoklonien oder Verdacht auf non-konvulsiven Status epilepticus.
  • Typische, aber nicht spezifische Befunde sind diffuse Verlangsamung, fokale temporale Verlangsamung, epileptiforme Potenziale oder periodische lateralisierte epileptiforme Entladungen, insbesondere bei HSV-Enzephalitis.
  • Ein normales EEG schließt eine Enzephalitis nicht sicher aus; pathologische Befunde unterstützen aber die Diagnose, helfen bei der Schweregradeinschätzung und steuern die antikonvulsive Therapie.
  • Bei persistierender Vigilanzminderung, Therapie-refraktären Anfällen oder Intensivpflichtigkeit sollte ein serielles EEG oder kontinuierliches EEG-Monitoring erwogen werden [1, 2, 5, 6].
Tab. 3. Diagnostik und klinische Konsequenzen in Abhängigkeit vom Zeitpunkt vom neurologischen Symptombeginn
Zeitpunkt ab neurologischem Symptombeginn Sinnvolle Diagnostik Klinische Konsequenz Literatur
Tag 0-3 Liquor: Zellzahl, Differenzialzellbild, Protein, Laktat, Glukosequotient; HSV-1/2-PCR, VZV-PCR, Enterovirus-PCR; Blutkulturen; MRT; EEG bei Anfällen/Bewusstseinsstörung. Aciclovir i.v. sofort bei Enzephalitisverdacht; Antibiotika, wenn bakterielle Meningitis nicht ausgeschlossen. 1,2,5,6
Tag 3-7 Bei negativer HSV-PCR, aber typischer Klinik/MRT: HSV-PCR wiederholen; VZV-PCR + VZV-Antikörperindex erwägen; FSME-/WNV-Serologie bei Exposition/Saison. Therapie nicht vorschnell beenden, wenn Klinik/MRT zu HSV/VZV passt. 1,2,5-12
Ab Woche 1 Serologie wird wichtiger: FSME-IgM/IgG, WNV-IgM Serum/Liquor, Antikörperindex bei VZV/FSME; erweiterte Diagnostik je nach Immunstatus. PCR kann bei FSME/WNV bereits negativ sein; Serologie und AK-Index interpretieren. 1,7-12
Ab Woche 2-3 Verlaufspunktion bei unklarer Diagnose; Autoimmunenzephalitis-AK in Serum/Liquor; erneute MRT/EEG; Tumor-/paraneoplastische Suche je nach Klinik. Infektiöse und autoimmune Ursachen parallel abklären; Immuntherapie nur nach angemessener infektiologischer Absicherung. 1,2,5
Jederzeit bei schwerem Verlauf Intensivmedizinisches Monitoring, EEG zum Ausschluss non-konvulsiver Status, Hirndruck-/Atem-/Kreislaufmanagement; Referenzlabor bei seltenen Viren. Schwere Enzephalitis bleibt ein interdisziplinärer Notfall. 1,2,5,6


Die zeitliche Korrelation ist entscheidend: Bei HSV, VZV und Enteroviren ist die frühe Liquor-PCR zentral. Bei FSME und West-Nil-Virus ist in der neurologischen Phase meist die Serologie entscheidend, weil die Virämie zu diesem Zeitpunkt oft abgeklungen ist (1,2,5-12).

Tab. 4. Angezeigte Diagnostik und mögliche Fallstricke im Rahmen der verschiedenen Viruserkrankungen
Virus Beste Probe Frühe Phase Spätere Phase Wichtige Fallstricke Literatur
HSV-1/2 Liquor HSV-PCR sofort bei Erstpunktion; sehr sensitiv, aber in ersten 24-72 h selten falsch-negativ möglich. Bei starkem Verdacht und negativer PCR; Liquor-PCR nach 3-7 Tagen wiederholen Aciclovir nicht verzögern; MRT anfangs gelegentlich unauffällig. 1,2,5,6
VZV Liquor +/- Serum VZV-PCR im Liquor früh sinnvoll, besonders bei akuter Enzephalitis/Meningitis Bei später Präsentation zusätzlich intrathekaler VZV-Antikörperindex, da PCR negativ werden kann. VZV-ZNS-Erkrankung kann ohne Hautausschlag auftreten. 1,2,5,6
Enteroviren Liquor; zusätzlich Stuhl/Rachen Enterovirus-PCR im Liquor in akuter Phase Wenn Liquor-PCR negativ, aber Verdacht: PCR aus Stuhl/Rachen ergänzen. Häufiger Meningitis als Enzephalitis; Saison Sommer/Herbst 1,4
FSME Serum + Liquor/Serum-Paar PCR nur sehr früh, v.a. Prodromalphase/erste Krankheitsphase, aus Blut/Liquor. Neurologische Phase: FSME-IgM/IgG im Serum, ggf. Liquor/Serum-Antikörperindex. PCR bei neurologischer Manifestation oft negativ; Kreuzreaktionen mit anderen Flaviviren/Impfungen möglich. 1,7,8
West-Nil-Virus Serum + Liquor PCR aus Blut/Liquor/Urin möglich, aber bei neuroinvasiver Erkrankung oft begrenzt sensitiv. WNV-IgM in Liquor und Serum; ggf. PRNT/Neutralisation wegen Kreuzreaktionen. WNV-IgM in Liquor und Serum; ggf. PRNT/Neutralisation wegen Kreuzreaktionen. 9-12
EBV Liquor + Blut EBV-PCR im Liquor kann helfen. Serologie und Viruslast im Blut zur Einordnung; bei Immunsuppression Verlauf beachten. Positive EBV-PCR kann Reaktivierung/Bystander sein; Kausalität kritisch prüfen. 1,2,5
CMV Liquor + Blut CMV-PCR im Liquor bei Immunsuppression, HIV, Transplantation. Blut-CMV-PCR/Viruslast zur Systemaktivität und Verlauf. Bei Immunkompetenten selten; Retinitis/Polyradikulitis beachten. 1,2,5,15
HHV-6 Liquor + Blut HHV-6-PCR im Liquor v.a. nach Transplantation/Immunsuppression. Blut-PCR und klinische Einordnung; ggf. ciHHV-6-Abklärung. Chromosomal integriertes HHV-6 kann falsch-kausal erscheinen. 1,2,15
Masern Serum, Liquor, Rachen/Urin PCR aus Rachen/Urin früh; Liquor bei Enzephalitis Masern-IgM/IgG; ggf. intrathekale Antikörper; bei SSPE hohe AK-Titer. Geimpfte/Immunsupprimierte können atypische Befunde zeigen. 1,2,13
Mumps Speichel/Rachen, Urin, Liquor PCR früh nach Symptombeginn IgM/IgG-Serologie Geimpfte können schwächere/atypische Serologie haben. 1,2,13
Röteln Serum, Rachen/Urin, Liquor PCR früh möglich IgM/IgG, Avidität, ggf. intrathekale Antikörper. Schwangerschafts-/Kontaktmanagement beachten. 1,2,13
Tollwut/ Lyssavirus Speichel, Hautbiopsie Nacken, Serum/Liquor PCR aus Speichel/Hautbiopsie; wiederholte Proben nötig. Antikörper in Serum/Liquor, falls nicht geimpft. Bei Verdacht sofort Referenzlabor/Gesundheitsamt; PEP vor Symptomen. 1,2,14