DGI:ZNS-Infektionen/Virale Meningitis/Enzephalitis/Diagnostik
Die Diagnostik der viralen Enzephalitis muss parallel und zeitkritisch erfolgen: Stabilisierung, Bildgebung, Liquordiagnostik, Blutdiagnostik, mikrobiologische Spezialdiagnostik und EEG sollten nicht sequenziell verzögert, sondern klinisch priorisiert und interdisziplinär koordiniert werden. Bei klinischem Verdacht auf HSV-/VZV-Enzephalitis darf die empirische Aciclovir-Therapie nicht bis zum vollständigen Erregernachweis verzögert werden [1, 2, 5, 6].
Allgemeindiagnostik/klinische Ersteinschätzung
- ABCDE-orientierte Akutbeurteilung mit Erfassung von Vigilanz, Atemwegsschutz, Kreislaufstabilität, Temperatur, Zeichen der Sepsis und Bedarf für Intensivüberwachung.
- Neurologischer Status mit GCS, Meningismus, fokalneurologischen Defiziten, Hirnnervenbefund, Aphasie, Ataxie, Myoklonien, extrapyramidalen Zeichen und epileptischen Anfällen.
- Psychiatrisch-kognitive Beurteilung: akute Wesensänderung, Desorientierung, Halluzinationen, Verwirrtheit, Delir, Gedächtnisstörung und zeitlicher Verlauf > 24 h.
- Gezielte Anamnese: Symptombeginn, Fieberverlauf, Prodromi, Exanthem/Zoster, Immunsuppression, HIV/Transplantation/Biologika, Impfstatus, Reise-, Zecken-, Mücken-, Tierbiss-/Fledermaus- und Expositionsanamnese.
- Frühe Differenzialdiagnostik von behandelbaren Mimics: bakterielle Meningitis, Sepsis-assoziierte Enzephalopathie, metabolisch-toxische Ursachen, Schlaganfall/Sinusvenenthrombose, Autoimmunenzephalitis und akuter disseminierter Enzephalomyelitis (ADEM)/ Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierter Erkrankung (MOGAD) / Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) [1, 2, 5]
Bildgebung
- ABCDE-orientierte Akutbeurteilung mit Erfassung von Vigilanz, Atemwegsschutz, Kreislaufstabilität, Temperatur, Zeichen der Sepsis und Bedarf für Intensivüberwachung.
- Neurologischer Status mit GCS, Meningismus, fokalneurologischen Defiziten, Hirnnervenbefund, Aphasie, Ataxie, Myoklonien, extrapyramidalen Zeichen und epileptischen Anfällen.
- Psychiatrisch-kognitive Beurteilung: akute Wesensänderung, Desorientierung, Halluzinationen, Verwirrtheit, Delir, Gedächtnisstörung und zeitlicher Verlauf > 24 h.
- Gezielte Anamnese: Symptombeginn, Fieberverlauf, Prodromi, Exanthem/Zoster, Immunsuppression, HIV/Transplantation/Biologika, Impfstatus, Reise-, Zecken-, Mücken-, Tierbiss-/Fledermaus- und Expositionsanamnese.
- Frühe Differenzialdiagnostik von behandelbaren Mimics: bakterielle Meningitis, Sepsis-assoziierte Enzephalopathie, metabolisch-toxische Ursachen, Schlaganfall/Sinusvenenthrombose, Autoimmunenzephalitis und akuter disseminierter Enzephalomyelitis (ADEM)/ Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierter Erkrankung (MOGAD) / Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) [1, 2, 5]
Lumbalpunktion/Liquordiagnostik
- Liquor-Basisdiagnostik: Eröffnungsdruck, Zellzahl mit Differenzialzellbild, Protein, Laktat, Liquor-/Serum-Glukosequotient, Erythrozytenzahl, ggf. Oligoklonale Banden und Immunglobulinquotienten
- Mikrobiologische Basisdiagnostik: Gram-Direktpräparat, bakterielle Kultur, Blutkulturen vor Antibiotika, bei Risikokonstellation zusätzlich Diagnostik auf Tuberkulose und Pilze
- Virale Liquor-PCR früh anfordern, mindestens HSV-1/2, VZV und Enteroviren; je nach Klinik, Immunstatus und Saison/Exposition zusätzlich CMV, EBV, HHV-6, Masern/Mumps/Röteln, JC-Virus oder weitere Erreger
- Bei typischer HSV-Klinik oder typischem MRT und initial negativer HSV-PCR sollte die Liquor-PCR nach 3-7 Tagen wiederholt werden; eine frühe negative PCR darf Aciclovir nicht vorschnell beenden.
- Bei FSME und West-Nil-Virus ist in der neurologischen Phase Serologie bzw. Antikörperindex oft aussagekräftiger als PCR; Serum-Liquor-Paare sind für intrathekale Antikörpersynthese besonders wertvoll.
- Kontraindikationen bzw. Gründe für Aufschub der Lumbalpunktion: klinische Zeichen erhöhten Hirndrucks, relevante Gerinnungsstörung/Antikoagulation, lokale Infektion an der Punktionsstelle oder hämodynamische Instabilität [1, 2, 5-12].
Blutentnahme/Serumdiagnostik
- Basislabor: Blutbild mit Differenzialblutbild, CRP, Prokalzitonin, Elektrolyte, Glukose, Nieren- und Leberwerte, Gerinnung, CK, Laktat, Blutgas bei schwerem Verlauf sowie Urinstatus.
- Infektiologische Basisdiagnostik: mindestens zwei Blutkultursets vor Antibiotikagabe, HIV-Test bei unklarer Immunsuppression
- Serologie abhängig von Exposition und Zeitfenster: FSME-IgM/IgG, West-Nil-IgM/IgG, Masern/Mumps/Röteln, VZV/HSV-Serologie ergänzend, ggf. Neutralisationstest bei Flavivirus-Kreuzreaktionen.
- PCR/viruslastbasierte Blutdiagnostik bei Immunsuppression: CMV-, EBV-, HHV-6- und ggf. JC-Virus-Diagnostik; positive Befunde müssen immer klinisch und mit Liquor-/Bildgebungsbefunden korreliert werden.
- Serum sollte möglichst parallel zum Liquor asserviert werden, damit Antikörperindex, intrathekale Synthese und spätere Referenzlaboruntersuchungen möglich bleiben [1, 2, 5, 7-12, 15].
EEG
- EEG ist indiziert bei Bewusstseinsstörung, Fluktuation, Krampfanfällen, Myoklonien oder Verdacht auf non-konvulsiven Status epilepticus.
- Typische, aber nicht spezifische Befunde sind diffuse Verlangsamung, fokale temporale Verlangsamung, epileptiforme Potenziale oder periodische lateralisierte epileptiforme Entladungen, insbesondere bei HSV-Enzephalitis.
- Ein normales EEG schließt eine Enzephalitis nicht sicher aus; pathologische Befunde unterstützen aber die Diagnose, helfen bei der Schweregradeinschätzung und steuern die antikonvulsive Therapie.
- Bei persistierender Vigilanzminderung, Therapie-refraktären Anfällen oder Intensivpflichtigkeit sollte ein serielles EEG oder kontinuierliches EEG-Monitoring erwogen werden [1, 2, 5, 6].
| Zeitpunkt ab neurologischem Symptombeginn | Sinnvolle Diagnostik | Klinische Konsequenz | Literatur |
|---|---|---|---|
| Tag 0-3 | Liquor: Zellzahl, Differenzialzellbild, Protein, Laktat, Glukosequotient; HSV-1/2-PCR, VZV-PCR, Enterovirus-PCR; Blutkulturen; MRT; EEG bei Anfällen/Bewusstseinsstörung. | Aciclovir i.v. sofort bei Enzephalitisverdacht; Antibiotika, wenn bakterielle Meningitis nicht ausgeschlossen. | 1,2,5,6 |
| Tag 3-7 | Bei negativer HSV-PCR, aber typischer Klinik/MRT: HSV-PCR wiederholen; VZV-PCR + VZV-Antikörperindex erwägen; FSME-/WNV-Serologie bei Exposition/Saison. | Therapie nicht vorschnell beenden, wenn Klinik/MRT zu HSV/VZV passt. | 1,2,5-12 |
| Ab Woche 1 | Serologie wird wichtiger: FSME-IgM/IgG, WNV-IgM Serum/Liquor, Antikörperindex bei VZV/FSME; erweiterte Diagnostik je nach Immunstatus. | PCR kann bei FSME/WNV bereits negativ sein; Serologie und AK-Index interpretieren. | 1,7-12 |
| Ab Woche 2-3 | Verlaufspunktion bei unklarer Diagnose; Autoimmunenzephalitis-AK in Serum/Liquor; erneute MRT/EEG; Tumor-/paraneoplastische Suche je nach Klinik. | Infektiöse und autoimmune Ursachen parallel abklären; Immuntherapie nur nach angemessener infektiologischer Absicherung. | 1,2,5 |
| Jederzeit bei schwerem Verlauf | Intensivmedizinisches Monitoring, EEG zum Ausschluss non-konvulsiver Status, Hirndruck-/Atem-/Kreislaufmanagement; Referenzlabor bei seltenen Viren. | Schwere Enzephalitis bleibt ein interdisziplinärer Notfall. | 1,2,5,6 |
Die zeitliche Korrelation ist entscheidend: Bei HSV, VZV und Enteroviren ist die frühe Liquor-PCR zentral. Bei FSME und West-Nil-Virus ist in der neurologischen Phase meist die Serologie entscheidend, weil die Virämie zu diesem Zeitpunkt oft abgeklungen ist (1,2,5-12).
| Virus | Beste Probe | Frühe Phase | Spätere Phase | Wichtige Fallstricke | Literatur |
|---|---|---|---|---|---|
| HSV-1/2 | Liquor | HSV-PCR sofort bei Erstpunktion; sehr sensitiv, aber in ersten 24-72 h selten falsch-negativ möglich. | Bei starkem Verdacht und negativer PCR; Liquor-PCR nach 3-7 Tagen wiederholen | Aciclovir nicht verzögern; MRT anfangs gelegentlich unauffällig. | 1,2,5,6 |
| VZV | Liquor +/- Serum | VZV-PCR im Liquor früh sinnvoll, besonders bei akuter Enzephalitis/Meningitis | Bei später Präsentation zusätzlich intrathekaler VZV-Antikörperindex, da PCR negativ werden kann. | VZV-ZNS-Erkrankung kann ohne Hautausschlag auftreten. | 1,2,5,6 |
| Enteroviren | Liquor; zusätzlich Stuhl/Rachen | Enterovirus-PCR im Liquor in akuter Phase | Wenn Liquor-PCR negativ, aber Verdacht: PCR aus Stuhl/Rachen ergänzen. | Häufiger Meningitis als Enzephalitis; Saison Sommer/Herbst | 1,4 |
| FSME | Serum + Liquor/Serum-Paar | PCR nur sehr früh, v.a. Prodromalphase/erste Krankheitsphase, aus Blut/Liquor. | Neurologische Phase: FSME-IgM/IgG im Serum, ggf. Liquor/Serum-Antikörperindex. | PCR bei neurologischer Manifestation oft negativ; Kreuzreaktionen mit anderen Flaviviren/Impfungen möglich. | 1,7,8 |
| West-Nil-Virus | Serum + Liquor | PCR aus Blut/Liquor/Urin möglich, aber bei neuroinvasiver Erkrankung oft begrenzt sensitiv. | WNV-IgM in Liquor und Serum; ggf. PRNT/Neutralisation wegen Kreuzreaktionen. | WNV-IgM in Liquor und Serum; ggf. PRNT/Neutralisation wegen Kreuzreaktionen. | 9-12 |
| EBV | Liquor + Blut | EBV-PCR im Liquor kann helfen. | Serologie und Viruslast im Blut zur Einordnung; bei Immunsuppression Verlauf beachten. | Positive EBV-PCR kann Reaktivierung/Bystander sein; Kausalität kritisch prüfen. | 1,2,5 |
| CMV | Liquor + Blut | CMV-PCR im Liquor bei Immunsuppression, HIV, Transplantation. | Blut-CMV-PCR/Viruslast zur Systemaktivität und Verlauf. | Bei Immunkompetenten selten; Retinitis/Polyradikulitis beachten. | 1,2,5,15 |
| HHV-6 | Liquor + Blut | HHV-6-PCR im Liquor v.a. nach Transplantation/Immunsuppression. | Blut-PCR und klinische Einordnung; ggf. ciHHV-6-Abklärung. | Chromosomal integriertes HHV-6 kann falsch-kausal erscheinen. | 1,2,15 |
| Masern | Serum, Liquor, Rachen/Urin | PCR aus Rachen/Urin früh; Liquor bei Enzephalitis | Masern-IgM/IgG; ggf. intrathekale Antikörper; bei SSPE hohe AK-Titer. | Geimpfte/Immunsupprimierte können atypische Befunde zeigen. | 1,2,13 |
| Mumps | Speichel/Rachen, Urin, Liquor | PCR früh nach Symptombeginn | IgM/IgG-Serologie | Geimpfte können schwächere/atypische Serologie haben. | 1,2,13 |
| Röteln | Serum, Rachen/Urin, Liquor | PCR früh möglich | IgM/IgG, Avidität, ggf. intrathekale Antikörper. | Schwangerschafts-/Kontaktmanagement beachten. | 1,2,13 |
| Tollwut/ Lyssavirus | Speichel, Hautbiopsie Nacken, Serum/Liquor | PCR aus Speichel/Hautbiopsie; wiederholte Proben nötig. | Antikörper in Serum/Liquor, falls nicht geimpft. | Bei Verdacht sofort Referenzlabor/Gesundheitsamt; PEP vor Symptomen. | 1,2,14 |