Achtung: Bitte beachten Sie unbedingt die Nutzungsbedingungen. Trotz sorgfältiger Prüfung wird keinerlei Haftung für die dargestellten Inhalte übernommen. Alle Inhalte richten sich ausschließlich an ein ärztliches Fachpublikum.

Tuberkulose

Kapitelinformationen
Stand: Juni 2021
Kapitelleitung: Jan Rybniker
Autor:innen: Elena Rodriguez-Castellano, Sophie Schneitler, Markus Unnewehr, Isabelle Suarez, Elham Khatamzas, Nils Wetzstein
Reviewer:innen: Ralf Otto-Knapp
Beteiligte Fachgesellschaften: dgi-logo.png

Die Tuberkulose (TB) zählt weltweit zu den tödlichsten Infektionskrankheiten, wobei die Erkrankung, sofern keine Antibiotikaresistenzen vorliegen, eigentlich gut behandelbar ist. Der Erreger Mycobacterium tuberculosis löst in der Mehrzahl der Fälle eine Lungentuberkulose aus, jedoch sind in Deutschland bis zu 30% aller Tuberkulosen auch extrapulmonal zu finden.

Deutschland ist mit <10 Fällen pro 100.000 Einwohnern ein klassisches Niedriginzidenzland. Da es sich bei M. tuberculosis um ein aerogen übertragbares Bakterium handelt, ist eine schnelle Fallfindung und Therapieeinleitung essentiell.


Klinisches Bild

Klinisches Bild bearbeiten
  • Subakute bis chronische Entwicklung der Klinik u. a. durch die langsame Teilungsrate von M. tuberculosis
  • Jedoch auch akute Krankheitsbilder mit schwerster, rasch voranschreitender Erkrankung möglich (z.B. bei HIV-Koinfektion)
  • „Klassische“ Allgemeinsymptome nach Lehrbüchern: Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust, Anorexie, körperliche Schwäche
  • Organspezifische Symptome der pulmonalen TB: Husten, Hämoptysen, Thoraxschmerzen, Dyspnoe
  • TB-typische Symptome nach WHO: Husten >3 Wochen, Hämoptysen, Gewichtsverlust, Fieber, Nachtschweiß

Klinische Situationen

Klinisches Bild/Klinische Situationen bearbeiten
Extrapulmonale Tuberkulose

  Extrapulmonale Manifestationen kommen in Deutschland in knapp 30% der Fälle vor.


Die Tuberkulose kann grundsätzlich jedes Organ betreffen. Extrapulmonale Manifestationen kommen in Deutschland in knapp 30% der Fälle vor (RKI Bericht von 2019). Ungefähr die Hälfte der extrapulmonalen Tuberkulosen betreffen die Lymphknoten, gefolgt von urogenitaler TB, Knochen TB etc.

Weisen zwei oder mehr Organe eine Beteiligung auf, sprechen wir von einer disseminierten Tuberkulose. Diese tritt vorrangig bei immunsupprimierten Personen auf, mit z.B. nicht behandelter HIV-Infektion, Diabetes mellitus, Dialyse-Patient:innen o.ä.. In den letzten Jahren werden allerdings zunehmend schwere Verläufe mit disseminierter TB bei jungen Migrant:innen aus Hochinzidenzländern ohne fassbaren Immundefekt beobachtet.

Die Symptomatik der extrapulmonalen TB kann unspezifisch sein. Die klassischen Symptome der TB wie Husten, Nachtschweiß oder Gewichtsverlust können fehlen. Das klinische Bild wird durch das betroffene Organ bestimmt. Es kann zu Schwellungen, Fieber oder Schmerzen kommen. Bei TB des Zentralnervensystems (ZNS) können fokal neurologische Defizite auftreten. Aufgrund dieser Symptomvielfalt wird die TB auch als “Chamäleon” der Medizin bezeichnet.

Latente Tuberkuloseinfektion (LTBI)

Die latente Infektion durch M. tuberculosis wird durch das Vorliegen eines positiven Gamma-Interferon-Tests bzw. Tuberkulin-Haut-Tests diagnostiziert. Es bestehen weder klinische Symptome, noch röntgenologische bzw. paraklinischen Auffälligkeiten. Eine manifeste TB-Erkrankung sollte zumindest durch ein Röntgenbild des Thorax ausgeschlossen werden. Die infizierte Person ist nicht ansteckend für ihre Umgebung. Man schätzt, dass bei etwa ¼ der Weltbevölkerung eine LTBI vorliegt. Die LTBI kann zum Beispiel im Rahmen eines erworbenen Immundefekts reaktivieren, es entwickelt sich dann eine TB-Erkrankung (Postprimärtuberkulose). Daher sollte vor medikamentöser Immunsuppression (z.B. TNF-alpha Inhibitoren) eine LTBI getestet und ggf. präventiv behandelt werden. Im Rahmen einer Umgebungsuntersuchung werden auch Menschen, die ausreichend intensiven Kontakt zu einer ansteckungsfähigen TB hatten, auf LTBI getestet und ggf. präventiv behandelt.

Leitsymptome

Klinisches Bild/Leitsymptome bearbeiten

Nachfolgende Leitsymptome beziehen sich auf die pulmonale Tuberkulose

Leitsymptome Ursache
Husten Entzündungsmediatoren und Irritationen der Atemwege. Bedeutsamster Übertragungsmodus von Mensch zu Mensch
Gewichtsverlust Erhöhter Energiebedarf durch die chronische Infektion Erhöhung der Körpertemperatur um 1°C führt zu 10-13 % erhöhtem Energieverbrauch.
Hämoptysen Gewebeinvasivität von ''M. tuberculosis'' mit lokaler Schädigung und Reizung von Bronchialschleimhaut, Lungenparenchym und Gefäßen. TB ist weltweit häufigste Ursache für Hämoptysen. In der Situation niedriger Prävalenz sollte jedoch auch an Differentialdiagnosen wie z.B. an das Lungenkarzinom gedacht werden.
Dyspnoe Ventilationsstörung durch Kompression von Bronchien aufgrund einer Lymphknotenschwellung oder eines Pleuraergusses, Verteilungs- und Diffusionsstörungen mit Rechts-links-Shunt durch ausgeprägte TB-Infiltrate und Kavernen. Schwere Verläufe können zu ARDS führen.
Brustschmerzen Verursacht durch tuberkulöse Pleuritis oder pleuranahe Infiltration
Fieber (nicht spezifisch für die pulmonale Form) Stimulation des Hypothalamus über proinflammatorische Zytokine wie Tumornekrosefaktor und Interleukin 1 und 6 als Reaktion körpereigener Abwehrzellen auf die mykobakterielle Infektion.
Nachtschweiß (nicht spezifisch für die pulmonale Form) Unspezifisches Symptom von Infektionen, Neoplasien und Autoimmunerkrankungen.

Epidemiologie

Klinisches Bild/Epidemiologie bearbeiten

Deutschland ist mit <10 Fällen pro 100.000 Einwohnern ein klassisches Niedriginzidenzland.

Diagnostik

Diagnostik bearbeiten

Diagnosekriterien

Diagnostik/Diagnosekriterien bearbeiten

Tuberkulosediagnostik wird häufig aufgrund kumulierender anamnestischer Aspekte eingeleitet. Die Diagnostik ist dabei abhängig von der Lokalisation der Tuberkulose. M. tuberculosis kann jedes menschliche Organ infizieren. Aus jedem erdenklichen Material kann eine Tuberkulose Diagnostik erfolgen.

Diagnostische Schritte

Diagnostik/Diagnostische Schritte bearbeiten

Wenn Anamnese und Bildgebung spezifische Hinweise liefern, muss eine mikrobiologische Diagnostik eingeleitet werden. Die TB Diagnostik sollte immer vor einer spezifischen Therapieeinleitung durchgeführt werden, wobei der direkte Erregernachweis im Vordergrund steht. Indirekte Nachweismethoden (z.B. Quantiferon) spielen eine untergeordnete Rolle und können die TB-Erkrankung weder beweisen noch ausschließen.

Bei klinischen Hinweisen auf eine extrapulmonale TB (EPTB) sollte neben der organspezifischen Diagnostik (in der Regel Bildgebung + Punktion/Biopsie) immer auch eine Sputumdiagnostik sowie eine Bildgebung der Lunge erfolgen zum Ausschluss einer zusätzlichen pulmonalen Tuberkulose.

Standardmäßig sollten bei jedem Tuberkuloseverdacht Morgensputa an drei unterschiedlichen Tagen auf Mykobakterien untersucht werden. Aufgrund von Kontaminationen durch die bakterielle Begleitflora sollten die Proben nicht lange gelagert werden und zügig in das Labor versandt werden.

In Abhängigkeit des eingesandten Materiales sind folgende Untersuchungen anzufordern:

Material Mikroskopie PCR Kultur Histologie Kommentar
Sputum x x x -
  • 3x Morgensputum 2-5ml
  • fehlende Produktion > induziertes Sputum mit 3-6% NaCl-Inhalation
  • kein Sammelsputum >1h
Bronchialsekret x x x -
  • 2-5ml
  • Lokalanästhetika können bakterizid sein
Bronchoalveoläre Lavage x x x -
  • gezielte Lavage
  • 20-30ml Rücklauf
Magennüchternsekret x x x -
  • Spezialgefäße mit Phosphatpuffer
  • 2-5ml
Urin (x bei V.a. urogenitale TBC) x x -
  • 3x 30ml Morgenurin
  • Am Tag zuvor Flüssigkeitsrestriktion
Darm x* x* x* x
  • Darmbiopsien mit etwas NaCl an Mikrobiologie, sowie mit Formalin an Pathologie
Blut / Knochenmarkkultur x* - - -
  • Spezialblutkultur-flaschen, Füllvolumen des Herstellers beachten
Gewebe x x x x
  • möglichst viel Material in NaCl an Mikrobiologie, sowie mit Formalin an Pathologie
Flüssigkeiten aus Punktionen x x x x
  • Liquor: 2-5ml, andere möglichst 30-50ml nativ einsenden

*nur bei zellulärem Immundefekt

Bei positivem PCR Ergebnis auf M. tuberculosis sollte mittels PCR mindestens eine Rifampicin-Resistenz ausgeschlossen werden, optimalerweise zudem eine Isoniazid-Resistenz. Bei jedem Tuberkulosenachweis sollte zudem eine phänotypische Resistenzbestimmung angestrebt werden. Dies erfordert die Anzucht der Erreger und dauert in der Regel mehrere Wochen bis Monate.

  Jedem/jeder TB Patient:in sollte eine HIV Diagnostik angeboten werden. Zudem sollten weitere Organmanifestationen evaluiert werden, z.B. mittels Sonographie des Abdomens.


Mykobakteriologische Diagnostik bedarf der Geduld. Die Kulturen werden in Abhängigkeit des Materials für 8-12 Wochen angelegt, im Schnitt werden die Flüssigmedien nach ca. 14 Tagen positiv, zum Teil erfolgt die Diagnose aber erst über die Festkulturen, die später positiv werden. Eine negative Diagnostik schließt eine Tuberkulose nicht unbedingt aus, gerade bei immunsupprimierten Patient:innen können paucibacilläre Formen vorliegen mit entsprechend erschwertem diagnostischem Nachweis. Sollte der Verdacht klinisch weiterhin bestehen wird ein infektiologisch/mikrobiologisches Konsil empfohlen.

Bereits bei hochgradigem Verdacht sollte eine Isolation der/des Patienti/en erfolgen. Der kulturelle, mikroskopische oder molekularbiologische Nachweis von Tuberkulose in respiratorischen Materialien zieht im Regelfall eine Isolation nach sich. Vor Entisolierung sollten zumindest 3 mikroskopisch negative Sputumuntersuchungen vorliegen.

Während einer Tuberkulosetherapie sollten zur Verlaufskontrolle bei pulmonaler Tuberkulose regelmäßige Sputumkontrollen auf Mykobakterien (Mikroskopie und Kultur) erfolgen. Eine erneute Resistenztestung wird notwendig, wenn nach 2 Monaten Behandlung weiterhin Mykobakterien im Sputum nachgewiesen werden.

Immunologische Verfahren

Allgemein werden diese nicht für die Tuberkuloseerkrankung zur Diagnostik eingesetzt, sondern zum Nachweis einer latenten Tuberkuloseinfektion nach Tuberkulosekontakt. Bei aktuellem Kontakt wird eine positive Testreaktion im Schnitt erst nach acht Wochen erwartet. Hierfür stehen zur Verfügung:

  • Interferon-γ Release Assays (IGRA) (z.B. T-SPOT®, QuantiFERON®-TB Gold Plus): Messung von Interferon- γ produzierenden T-Zellen als Immunreaktion gegenüber dem Tuberkulose-Komplex. Diese Tests sind für die Tuberkuloseinfektion sehr spezifisch, können jedoch auch falsch positiv sein bei Kontakt zu nichttuberkulösen Mykobakterien (NTM) wie z.B. M. kansasii, M. szulgai, M. marinum, M. gastri oder M. flavescens. Ein negativer Test schließt weder eine Infektion noch eine Erkrankung aus.
  • Tuberkulin-Hauttest (THT): Nachweis einer zellvermittelten Immunreaktion vom verzögerten Typ. Ein positives Resultat kann auch nach BCG-Impfung oder vorherigem NTM-Kontakt vorliegen. Der Einsatz erfolgt in Deutschland primär bei Kindern unter dem 5. Lebensjahr. In Einzelfällen kann der THT sinnvollerweise auch bei zellulärer Immundefizienz additiv zum IGRA sinnvoll sein.

Zur Einschätzung des Risikos für eine Progression von der LTBI zur Tuberkuloseerkrankung bei positivem IGRA oder THT können entsprechende Risikorechner genutzt werden Beispielhaft für Patienten aus Niedriginzidenzländern: periskope.org. Für Patient:innen mit initialer Herkunft aus einem Hochinzidenzland für TBC: The Online TST/IGRA Interpreter der McGill University. Die Notwendigkeit einer präventiven Therapie muss auf Grundlage einer Risiko-Nutzenbewertung individuell bewertet und mit den Betroffenen diskutiert werden.

Differentialdiagnosen

Diagnostik/Differentialdiagnosen bearbeiten

In Abhängigkeit der Tuberkulosepräsentation gibt es vielfältige Differentialdiagnosen. Eine Auswahl wird in der Tabelle darstellt.

TBC Infektiöse Differentialdiagnosen Andere Genese
Pulmonale
  • Nicht tuberkulöse Mykobakterien (z.B. M. kansasii)
  • Aspergillose
  • Histoplasmose
  • Malignome (z.B. Lungenkarzinom)
  • Sarkoidose
  • Rheumatologische Erkrankungen (z.B. M. Wegener)
  • Histiozytose X
  • Kryptogen organisierende Pneumonie
Extrapulmonale
  • Brucellose
  • Tularämie
  • Bartonellose
  • Toxoplasmose
  • Leishmaniose
  • Malignome (z.B. Lymphome)
  • Sarkoidose
  • M. Crohn
  • Rheumatologische Erkrankungen

Erreger

Die Tuberkulose wird durch Mykobakterien des Mycobacterium tuberculosis-Komplexes ausgelöst. M. tuberculosis ist mit Abstand der häufigste Auslöser der Tuberkulose.

  • M. tuberculosis ist ein unbewegliches, stäbchenförmiges, säurefestes Bakterium
  • Das Wachstum ist sehr langsam (Nachweis von Wachstum in Flüssigmedien nach durchschnittlich 2-3 Wochen)
  • Der Erreger kann in Makrophagen lange überleben ohne klinische Beschwerden zu verursachen
  • Die Übertragung erfolgt fast immer durch Tröpfcheninfektion

Lipophile Zellwandbestandteile namens Mykolsäuren führen zur “Säurefestigkeit”. Dies macht man sich in der Ziehl-Neelsen-Färbung zunutze. Andere Gram-positive oder Gram-negative Bakterien sind nicht säurefest. Durch eine Gegenfärbung mit Methylenblau erscheinen Mykobakterien rot und die Umgebung blau.

Wichtigste Vertreter des Mycobacterium tuberculosis-Komplex Beispiele nichttuberkulösen Mykobakterien (NTM)
  • Mycobacterium tuberculosis
  • Mycobacterium bovis
  • Mycobacterium africanum
  • Mycobacterium microti
  • Mycobacterium leprae
  • M. avium
  • M. abscessus

Therapie

Die Standardtherapie beinhaltet eine Vierfachkombination bestehend aus Rifampicin, Isoniazid, Ethambutol und Pyrazinamid für 2 Monate um die Erregerlast und damit Infektiosität zu reduzieren. Dieser folgt eine Stabilisierungsphase bestehend aus einer Zweifachkombination mit Rifampicin und Isoniazid für 4 Monate. Die beste Wirksamkeit wird bei gleichzeitiger Einnahme aller Medikamente 30 Minuten vor dem Frühstück erwartet.

Die Standardtherapie kann empirisch vor Vorliegen von Kulturergebnissen begonnen werden. Jedoch sollte die Diagnostik (siehe oben) unbedingt vor Therapieeinleitung erfolgen. Etwa 10% der M. tuberculosis Stämme in Deutschland sind resistent gegen eine Substanz der Standardtherapie. Die Therapie sollte dann nach Rücksprache mit Infektiolog:innen entsprechend angepasst werden. Ebenso sollte bei Unverträglichkeiten, HIV-Koinfektion, Tuberkulose-Meningitis und anderen extrapulmonalen Manifestationen Rücksprache mit Infektiolog:innen gehalten werden. Einige extrapulmonale TB-Manifestationen werden mit unveränderter Standardtherapie behandelt.

Für die Behandlung von Knochen- und Gelenk-TB, der Miliar-TB und anderer disseminierter Tuberkuloseformen sowie bei ZNS-Tuberkulose ist eine Verlängerung der Therapie notwendig. Bei der TB-Meningitis oder ZNS-Beteiligung bei disseminierter TB sollte Dexamethason verabreicht werden.

Substanz Dosierung mg/kg Dosisbereich mg/kg Minimal- und Maximaldosis mg Dauer

Monate

Rifampicin (RMP) 10 p.o./i.v. 8 - 12 450 / 600 6
Isoniazid (INH), häufig als Kombinationspräparat mit Vitamin B6 (Pyridoxin) 5 p.o./i.v. plus 10 mg 4 - 6 200 / 300 6
Ethambutol (EMB) 15 p.o./i.v. 15 - 20 800 / 2000 2
Pyrazinamid (PZA) 25 20 - 30 1500 / 2500 2

Online Dosierungsrechner für Kinder und Erwachsene.


Kontrollen während der Therapie

Zu Beginn, nach 2, 4 und 8 Wochen: Blutbild, Serumtransaminasen, Kreatinin. Bei Gabe von EMB ebenfalls vierwöchentlich und wenn möglich vor Therapie eine ophthalmologische (Farbsehvermögen, Gesichtsfeld) Untersuchung. Bei Gabe von RMP ist eine Berücksichtigung der potentiellen Medikamteninteraktionen notwendig. Hormonelle Kontrazeptiva (z.B. „Antibabypille“) können in ihrer Wirksamkeit eingeschränkt sein.

CAVE: Bei Einleitung einer antiretroviralen Therapie immer Rücksprache mit Infektiolog:innen!


Prophylaxe und Prävention

Prophylaxe und Prävention bearbeiten
Präventive Therapie (Chemoprävention)

Ziel der präventiven Therapie ist es, die Reaktivierung von M. tuberculosis-Bakterien und die konsekutive TB-Erkrankung zu verhindern.

Eine Diagnostik der LTBI setzt eine Therapieintention voraus. Die Risikoeinschätzung soll deshalb der Infektionsdiagnostik vorausgehen[1].

Ziel der Prävention ist es, ruhende Mykobakterien zu eliminieren, um eine spätere Reaktivierung und Progression zur TB-Erkrankung zu verhindern.


1.Indikation zur präventiven Therapie einer LTBI

Vor Indikationstellung zur präventiven Therapie müssen die Begleitumstände und Voraussetzungen für eine erfolgreiche vollstände Durchführung der Therapie individuell geprüft und die Risiken gegen den Nutzen abgewogen werden. Folgende Personengruppen mit erhöhtem Risiko für eine Progression zur Tuberkulose sollen auf das Vorliegen einer LTBI getestet und bei Nachweis therapiert werden:

  • Personen nach ausreichend intensivem Kontakt mit einem gesicherten Fall einer ansteckungsfähigen TB.
  • Vor bzw. unter einer Therapie mit TNF-alpha-Inhibitoren und anderen Biologika HIV-Infektion[2]


Eine präventive Therapie sollte in folgenden Fällen erwogen werden:

  • Personen mit schweren Grunderkrankungen, die eine intrinsische und iatrogene Immunsuppression bedingen (hämatologische Systemerkrankungen wie Lymphome und Leukämien)
  • Personen vor geplanter bzw. nach Organ- oder hämatologischer Transplantation
  • Menschen aus TB-Hochprävalenzländern
  • Dialysepatient:innen
  • Personen mit i.v. Drogenabhängigkeit (IVDU)
  • Obdachlosen Personen und Menschen, die in Justizvollzugsanstalten untergebracht sind


2. Wirkstoffauswahl und Therapieschemata

Da die Keimpopulation bei der LTBI wahrscheinlich sehr klein ist und die Bakterien sich nicht oder kaum teilen, ist die Monotherapie ausreichend sicher [3]. (Dies gilt nicht bei einer angenommenen Infektion durch INH- bzw. RMP-resistente Erreger).

Es stehen 4 unterschiedlichen Schemata zur Behandlung einer LTBI:

Wirkstoff Evidenzlevel Dosierung (täglich) Dosierung (wöchentlich) Therapiedauer
INH-Mono A 5mg/kg (max. 300mg) 9 Monate
RMP-Mono A 600 mg 4 Monate
INH + RMP A analog zur jeweiligen Monotherapie 3 - 4 Monate
INH + Rifapentin B 900 mg + 900 mg 12 Wochen

[S2K Leitlinien: Tuberkulose im Erwachsenenalter].


Bei HIV-negativen Menschen kann von einer lang andauernden Protektion (>5 Jahre und bis 19 Jahre) ausgegangen werden [S2K Leitlinien: Tuberkulose im Erwachsenenalter].

Bei einer Infektion mit einer vermuteten MDR-TB sollte eine präventive Therapie nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken erwogen werden. Diese sollte sich wenn möglich am Resistenzmuster des Indexfalles orientieren. In jedem Fall muss über mögliche Symptome einer Tuberkulose aufgeklärt und eine längere klinische und ggf. radiologische Nachbeobachtung, z.B. vierteljährlich über mindestens 2 Jahre erfolgen.


3. Nebenwirkungen

Die Häufigkeit schwerwiegender hepatischer Nebenwirkungen liegt bei Patienten, die über 12 Monate mit INH therapiert werden, bei 1,7% [Kopanoff DE, Snider DE, Caras GJ. Isoniazid-related hepatitis: a U.S. Public Health Service cooperative surveillance study. Am Rev Respir Dis 1978; 117: 991-1001] und bei RMP-Monotherapie bei 1-2% [Ziakas PD, Mylonakis E. 4 months of rifampin compared with 9 months of isoniazid for the management of latent tuberculosis infection: a meta-analysis and cost-effectiveness study that focuses on compliance and liver toxicity. Clin Infect Dis 2009; 49: 1883-1889].


4. Kontrolle nach der präventiven Therapie

Da eine präventive Therapie nur in 60-90% der Fälle erfolgreich ist, wird nach Therapieabschluss eine Röntgenuntersuchung des Thorax empfohlen. Eine erneute Testung auf LTBI (IGRA oder THT) sollte nicht stattfinden.


Prophylaktische Therapie (Chemoprophylaxe)

Bei der Chemoprophylaxe wird eine Therapie eingeleitet bevor eine immunologische Reaktion mittels Quantiferon-Test oder Haut-Test nachweisbar ist. Ziel ist, nach Kontakt mit gesichert ansteckungsfähigen TB-Patienten eine Erkrankung zu verhindern

Eine Prophylaxe soll bei Kindern unter 5 Jahren erfolgen. Darüber hinaus soll eine Prophylaxe bei besonders vulnerablen Personen erwogen werden (z.B. Immungeschwächte).

Die Chemoprophylaxe soll zeitnah nach Ausschluss einer TB-Erkrankung mit INH 300mg/ täglich erfolgen. Frühstens 8 Wochen nach dem letzten Kontakt muss erneut auf LTBI getestet werden. Bleibt der Test negativ, kann die Prophylaxe beendet werden. Bei positivem Test soll eine vollständige präventive Therapie durchgeführt werden. Sollten Symptome auftreten muss wiederholt eine Erkrankung ausgeschlossen werden.

Weiterführende Literatur und Hilfestellungen

Weiterführende Literatur und Hilfestellungen bearbeiten
  • Ewig S, Schaberg T, Rüsch-Gerdes S, Bollow M (2016) Symptomatik und Untersuchungsbefunde. In: Ewig S, Schaberg T, Rüsch-Gerdes S, Bollow M (Hg.), Tuberkulose und nichttuberkulöse Mykobakteriosen. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 1. Auflage
  • Menner N, Suttorp N (2016) Lungentuberkulose. In: Suttorp N, Möckel M, Siegmund B, Dietel M (Hg.), Harrisons Innere Medizin. ABW Verlag, Berlin, 19. Auflage
  • Suter PM (2017) Gewichtszu- und -abnahme. In: Battegay E (Hg.), Differenzialdiagnose Innerer Krankheiten. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 21. Auflage
  • Weber R, Fontana A, Schaer D (2017) Status febrilis und systemische Entzündung bei Infektionen und immunologischen Krankheiten. In: Battegay E (Hg.), Differenzialdiagnose Innerer Krankheiten. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 21. Auflage

Quellen

  • Richter, Elvira (Hrsg.), MIQ 05: Tuberkulose Mykobakteriose, 3. Auflage, Elsevier, 2019
  • Schaberg T, Bauer T, Brinkmann F, et al. [Tuberculosis Guideline for Adults - Guideline for Diagnosis and Treatment of Tuberculosis including LTBI Testing and Treatment of the German Central Committee (DZK) and the German Respiratory Society (DGP)]. Pneumologie. 2017;71(6):325-397. doi:10.1055/s-0043-105954
  • Gupta RK, Calderwood CJ, Yavlinsky A, et al. Discovery and validation of a personalized risk predictor for incident tuberculosis in low transmission settings. Nat Med. 2020;26(12):1941-1949. doi:10.1038/s41591-020-1076-0
  • Diel R, Schaberg T, Nienhaus A, et al. Joint Statement (DZK, DGRh, DDG) on the Tuberculosis Risk with Treatment Using Novel Non-TNF-Alpha Biologicals. Pneumologie. 2021;75(4):293-303. doi:10.1055/a-1294-1580
  • Crump JA, Reller LB. Two decades of disseminated tuberculosis at a university medical center: the expanding role of mycobacterial blood culture. Clin Infect Dis. 2003;37(8):1037-1043. doi:10.1086/378273
  • Suárez I, Maria Fünger S, Jung N, et al. Severe disseminated tuberculosis in HIV-negative refugees. Lancet Infect Dis. 2019;19(10):e352-e359. doi:10.1016/S1473-3099(19)30162-8


Einzelnachweise

  1. Schaberg T, Bauer T, Brinkmann F, et al. [Tuberculosis Guideline for Adults - Guideline for Diagnosis and Treatment of Tuberculosis including LTBI Testing and Treatment of the German Central Committee (DZK) and the German Respiratory Society (DGP)]. Pneumologie. 2017;71(6):325-397. doi:10.1055/s-0043-105954
  2. Diel R, Schaberg T, Nienhaus A, et al. Joint Statement (DZK, DGRh, DDG) on the Tuberculosis Risk with Treatment Using Novel Non-TNF-Alpha Biologicals. Pneumologie. 2021;75(4):293-303. doi:10.1055/a-1294-1580
  3. Colangeli R, Arcus VL, Cursons RT, et al. Whole genome sequencing of Mycobacterium tuberculosis reveals slow growth and low mutation rates during latent infections in humans. PLoS One. 2014;9(3):e91024. doi:10.1371/journal.pone.0091024